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von Ulrich Fries, Kap Gelidonya, Türkei
Die Sonnenfinsternis hatte uns schon früh beschäftigt, nachdem wir, Brigitte und ich, 1999 eigens nach Süddeutschland gefahren waren und leider nur eine wolkenverhangene Veranstaltung zu sehen bekamen, die nicht der Verbrauchererwartung entsprach.
Serif hatte uns auf die kommende totale Finsternis aufmerksam gemacht. Er sagte mir anläßlich einer Wanderung mit Gästen auf die Musa-Aussichtsterrasse im Herbst 2005, daß er hier die Finsternis erleben wolle. In der Tat ist der Platz wunderschön und hat den ungeheuren Vorteil, wegen seiner schweren Erreichbarkeit wohl ganz sicher von anderen Besuchern zur Sofi-Beobachtung verschont zu bleiben.
Hier wollte Serif den Mondschatten über das Meer heransausen sehen und beobachten, wie die Ebene von Cirali sich verfinstert. Wir, d. h. Serif, Katja und ich verabredeten uns also fest für den 29. 3. 06, 11.00 Uhr auf der Musa-Terrasse über Porto Ceneviz - aber es kam anders!
Serif (www.seb-tours.de) stellte natürlich seine Werbung für Cirali auf die Sofi ein und wir hatten zum Termin tatsächlich ein volles Haus, sogar das letzte Kinderzimmer bekam noch einen Kurzbesucher. Zwei Ehepaare, Brinkmann und Meier, waren - wie das immer ist - in unserem Alter und harmonierten auch gut mit uns, oder wir mit ihnen. Da sie erfahrene Wanderer waren, schien der Ortsvorschlag "Musa" gut zu passen.
Natürlich machte ich eine Testwanderung mit ihnen auf die Göktas Kalesi und zum Canyon mit der üblichen Sause bei Yusuf. Das Ergebnis zeigte zwar, daß wohl jeder den Aufstieg auf den Musa geschafft hätte, aber es kam nicht dazu. Die Gäste hatten nämlich auch ein vorausgewähltes Ziel und das war nicht schlecht, wenn auch die damit verbundene Wanderung nur ein kurzer Spaziergang war.
Nach dem Weg des Mondschattens auf der Erdoberfläche und der Richtung, die er nahm, war Kap Gelidonya mit seinem Leuchtturm der Wunschort unserer Gäste. Ich hatte diesen Platz auch schon in Gedanken geprüft, fand aber schade, daß man hier nicht so hoch wie am Musa wäre. Außerdem konnten wir sicher sein, daß viele andere auch hierher kommen werden und was ist dann mit Stimmung und Ruhe und dem Naturerlebnis? Wir diskutierten das mit den Gästen und alle wurden unschlüssig.
Derweil war Serif noch nicht angekommen und es verbreitete sich das Gerücht, er käme gar nicht. Ich war sauer - immerhin waren wir verabredet! Nachher kam er doch, aber leider ohne Katja, die keinen Urlaub bekam - was für ein Verlust für uns und für ihr Erlebnisregister. Jedenfalls war Serif auch gar nicht so fest entschlossen, zur Musa-Terrasse zu gehen, als wir ihm sagten, daß man von dort eben nicht in die Richtung des anrückenden Schattens schauen konnte.
Was aber schließlich den Ausschlag gab, war das Wetter! Wegen der großen Höhe und dem weiten Blick hatte ich den Feuerwächterberg als weitere Alternative vorgeschlagen und nun konnten uns nur noch Lokaltermine die nötigen Entscheidungsdaten liefern. Wir beschlossen gemeinsam mit den Gästen, auf den Feuerwächterberg zu fahren und den Ausblick zu prüfen. Gleichzeitig war es ein schöner Halbtagesausflug, denn Sofi hin oder her - der Blick ist auch ohne Prüfungsanlaß fantastisch. Außerdem ist es sicher interessant, mal einen solch ungewöhnlichen türkischen Arbeitsplatz zu sehen.
Wir fuhren mit den Autos den Waldweg, der von der Fernstraße nach Antalya abzweigt, hinein und kamen bald an die vom Winterwasser ausgespülten Stellen, die gerade noch auf schmaler stehen gebliebener Fahrspur passiert werden konnten. Ich wußte zwar, daß damit die schlimmste Stelle überwunden war, folgte aber gern dem Vorschlag, die Autos stehen zu lassen und sicherheitshalber zu Fuß weiterzugehen. Schließlich waren wir Wanderer und es war zwar kühl und Wolken zogen vorbei, aber auch ein paar Sonnenstrahlen weckten Hoffnung auf mehr davon.
Unterwegs kamen wir am ehemaligen Müllplatz vorbei - wir erzählten die wilde Protestgeschichte der Bauern von Cirali und hatten bald den ersten Blick vom Bergweg aus dort hinüber. Auf der Tahtali-Seite konnte ich die Lage von Laodikea zeigen und bald kamen wir oben an. Mehr als die Aussicht faszinierte die Männer hier ein knatternder Kurzschluß in der Transformatoranlage der Funkstation, aber dann wandte sich der Blick nach Südwesten und alle waren gebührend beeindruckt. Allerdings war die von technischen Objekten dominierte Stimmung des Ortes nicht so, daß man sich einen längeren Aufenthalt wünscht. Wegen der noch feuchten Jahreszeit war auch Adaletli, der Feuerwächter, noch nicht auf seinem Posten, so daß wir um das erwartete kleine Gespräch kamen. Wir nahmen uns aber vor, den Kurzschluß im Dorf zu melden.
Auf dem Rückweg brachte dann das Wetter der Wahl dieses Ortes die entscheidende Niederlage: Wolken zogen auf und es begann erst zu tröpfeln und dann richtig ausdauernd zu regnen. Wir hatten versäumt, uns darauf einzurichten und wurden gründlich naß. Die Befürchtung, der schmale Fahrsteg würde aufweichen oder rutschig werden, bewahrheitete sich aber nicht und wir kamen mit den Autos heil hinüber und nach Cirali hinunter.
Dennoch waren alle angetan von der Probe, sodaß wir beschlossen, zwei Tage vor dem großen Ereignis auch Gelidonya einer Probe zu unterziehen. Inzwischen gab es auch in der türkischen Presse und im Internet Meldungen, wo man die Finsternis besonders gut sehen könne und welche Unternehmen Touren veranstalteten. Kappadokien und Side-Manavgat konnten uns ja egal sein und Meldungen über Führungen auf den Tahtali quittierten wir mit müdem Grinsen, weil dort mittags immer die Wolkenmütze dicht auf dem Gipfel saß. Einzig Ankündigungen über Touren nach Gelidonya, dem Punkt, wo der Mondschatten zuerst türkisches Land erreichen würde, machten uns Sorgen. Was, wenn alle dorthin gingen?
Wir mußten also die Strecke trainieren und den Zeitbedarf ermitteln. Mit zwei Autos fuhren wir über die Dorfstraßen an Yazir vorbei, durch Cavus Köy nach Kara Öz. Hier gab es erste Zweifel, wir mußten ganz am Strand durch den Fluß, der noch soviel Wasser führte, daß die normale Passage nicht befahrbar war. Die anschließenden Waldwege waren stark ausgefahren und im teils lehmigen, teils steinigen Boden gab es einige Rüttelstrecken, wo man das Aufsetzen des Wagens nur schwer vermeiden konnte. Unterwegs kamen wir am Abzweig nach Melanippe vorbei, das wir den Gästen von einer erhöhten Kurve aus gezeigt hatten.
Am Leuchtturmpfad angekommen waren alle zwar für heute erleichtert, aber für übermorgen doch etwas besorgt, denn wenn auf diesen Waldwegen ein Stau einträte, wäre nichts mehr zu wollen. Wir bewältigten die zwei Kilometer in gemütlichem Spazierschritt, genossen unterwegs schon ab und zu den Blick nach Finike hinüber und kamen nach der lang gestreckten Serpentine des alten "Mopedweges" seines Wächters am "Taslik Burnu Feneri" an, wie der Leuchtturm offiziell heißt.
Wir pausierten, nahmen unser Picknick ein und fanden den Platz wunderbar. Das taten auch andere, denn schon heute waren wir nicht allein. Einige kleine Gruppen saßen am Leuchtturm oder kamen noch an und rekognoszierten wie wir. Wie voll würde es wohl übermorgen werden?
Zurück nach Cirali fuhren wir ab Kara Öz getrennt, wir zuerst entlang der Küste, die Gäste später, sodaß wir die recht schöne Straße mit weitem Meerblick registrierten. Brigitte und ich fuhren dann über Mavi Kent bis zur Fernstraße direkt bei Kumluca und von dort nach Cirali zurück, vorbei an den diversen Restaurants mit Blick auf die Bey-Daglari.
Beim späteren "Kriegsrat" war ohne große Abstimmung schon klar, daß alle nach Gelidonya wollten. Es fragte sich nur, wie und wann? Hohe Punkte schlossen wir wegen der mittäglichen Wolkenbildung aus und die 150 Meter über dem Meer beim Leuchtturm konnten wir ja noch etwas steigern, wenn wir dort am Berg hinaufgingen. Serif ging im Dorf durch die Restaurants, lauschte hier und fragte dort - jeder der angereisten "Sofisten" hatte einen Geheimtip, wo er hinwollte. Serif: "Ach, Ihr wollt´s nach Gelidonya zum Fener, oder?" Betretenes Schweigen und enttäuschte Mienen kommentierten die Erkenntnis über die weite Verbreitung des Geheimtips und verstärkten unsere verkehrs-politischen Bedenken. Plan "A" wurde entwickelt, der durch Variante "B" und Notfall "C" abgesichert war.
Nach Plan "A" würden wir so früh starten, daß wir in Kara Öz wären, bevor noch alle anderen "Gelidonisten" und Führungen mit dem Frühstück begonnen hätten. Das hieß, vor dem Stau weg zu fahren und bot mit "B" die Möglichkeit, wenn alle so dächten und der Waldweg doch schon zu wäre, ab Kara Öz die ganzen acht Kilometer zu Fuß zu gehen. Sollten sogar die Dorfstraßen nach Kara Öz schon dicht sein, könnten wir im Notfall "C" an die kleine Küstenstraße gelangen oder an die Fernstraße zur "Sahin Tepesi" in 500 Metern Höhe mit Blick über Kumluca bis Finike.
Diese Plankombination fand allgemeine Zustimmung, bot sie doch bei Gelingen von "A" eine schöne Zeit der Muße und Einstimmung auf das Ereignis und die Möglichkeit, in Ruhe die beste Position zu suchen. So kam es und das war auch den Türken zu danken. Serif fuhr uns in Hasans Bus über Belen auf einer wenig befahrene Nebenroute mit schöner Aussicht bis Kara Öz und von dort über die - wir staunten - inzwischen planierten Waldwege zum Fußweg. Unterwegs versuchte ein aufgeregt fuchtelnder Landrover-Fahrer uns zum Umkehren zu bewegen, weil sonst die Busse am Fußweg nicht wenden könnten. Wir sollten auf einer Wiese vier Kilometer vorher parken.
Natürlich war Serif nicht zu beeindrucken. Nachher sahen wir an die 35 Autos und Busse, die dem Fuchtler gehorcht hatten. Am Wanderweg parkten nur wenige andere Wagen, wir wendeten den Bus, um ihn in günstiger Position für die Rückfahrt abzustellen. Dann bräuchten wir nicht ewig zu warten, falls jemand das Wenden nicht schaffte.
Wir schulterten die Rucksäcke, die anderen Gäste aus Hamburg, die mit uns gekommen waren, ihre Fernrohre, und machten uns auf die Socken. Ich hatte nur meinen kleinen Feldstecher und natürlich die Spezialbrillen mit und verließ mich für die Erinnerung an das Ereignis auf die Fotos meiner Gäste und auf mein Gedächtnis, denn ich wollte nicht erst auf meinen Fotos sehen, was ich eigentlich erlebt hatte. Brigitte hatte ihre Kamera auch mit, aber mangels Sofi-Erfahrung waren die Ergebnisse leider nicht brauchbar. Die der Gäste aber schon!
Am Leuchtturm angekommen gab es schon einigen Betrieb. Die Wächterfamilie hatte den Turm geöffnet und bereitete eine Speisewirtschaft vor. Wir zogen wie beabsichtigt etwas am Berg empor und besetzten den Schatten einer hohen ausladenden Pinie, deren Geäst den Blick auf die Sonne nicht behinderte. Hier erigierten die Teleobjektiv- und Fernrohrbesitzer ihre Rohre auf Stativen in den Himmel und kämpften mit Klemmen und Feststellschrauben, deren plötzliche Insuffizienz ein seltsam entschlossen wirkendes Abklappen der Apparate verursachte, während die Optiklosen sich über das Picknick hermachten.
Nach und nach trafen weitere Beobachter ein, es ging das Gerücht, eine amerikanische Wissenschaftlergruppe mit 80 Mann käme noch hierher, aber sie kamen nicht. Statt dessen war es eine bunte Mischung von internationalen Besuchern, alt und jung, die teils mit viel, teils ganz ohne Erfahrungen ihre verschiedenen Positionen einnahmen und Gerätschaften auspackten, mit denen sie mehr sehen oder dokumentieren wollten. Man unterhielt sich hin und her, schaute hier und da zu und genoß eine freundliche Stimmung in ruhiger Umgebung, denn das Gelände war so weitläufig und die ubiquitären Hektiker so gering an Zahl, daß man sich von den etwa 300 Menschen nicht gestört fühlte, von denen die meisten dankenswerterweise nahe am Leuchtturm blieben.
Langsam rückte der Zeitpunkt des ersten Kontaktes näher, wenn der Mond beginnt, die Sonne zu verdecken. Man erzählte sich, welchen Effekt man bei der Finsternis besonders beobachten wollte und ich konnte nur mühsam meinem festen Vorsatz folgen, das gestern angelesenen Wissensgut nicht heute als meine alte Sofi-Erfahrung einem ergriffenen Auditorium mitzuteilen.
"Fliegende Schatten", "Diamantring-Phase" und ähnliche Termini schwirrten umher und jeder faszinierte sich an seinen schon eingetretenen oder erwarteten Lieblingseffekten. Brigitte und ich warteten auf die Kernschattenkante, die über das Meer mit doppelter Schallgeschwindigkeit - natürlich geräuschlos - heransausen sollte.
Um es vorweg zu nehmen: natürlich gab´s die Schattenkante nicht - es wurde einfach nur immer dunkler und von Mach 2 haben wir nichts gemerkt! Was wir gemerkt haben, war das zunehmend fahlere Licht, der Temperaturabfall, die Korona mit den Spezialphasen unmittelbar vor und nach der Totalität und ganz besonders das seltsame Himmelsrot, das im 300° Umkreis, soweit der Blick unverstellt war, den Horizont bengalisch glühen ließ. Im Feldstecher zeigten sich sogar hellrot leuchtende Protuberanzen und die Korona hatte eine so markante Form, daß ich nun glaubte, daß Sofi-Fanatiker an einem Koronafoto allein schon die jeweilige Finsternis identifizieren können. Durch den Temperaturabfall kondensierte die Luftfeuchte und dünne Schleierwolken im Moment der Totalität ließen die Fotografen aufstöhnen. Wenige Sekunden lang war die Korona sogar ganz verdeckt, aber die Wolken verzogen sich gnädig wieder.
Während der langen ersten Phase der zunehmenden Verschattung spielte ich nach dem Vorbild einer Amerikanerin mit dem Feldstecher herum, der mit den Objektiven zur Sonne in richtiger Entfernung ruhig gehalten ein scharfes Bild der "angebissenen" Sonne auf eine helle Unterlage warf. So vergnügten wir uns mit Spielchen, Schwatz und Picknick bis zum zweiten Kontakt, dem Beginn der totalen Phase, die nur etwas über drei Minuten dauerte. Jetzt waren aber doch alle ergriffen von der Stimmung, dem Licht und der im Grunde wirklich etwas unheimlichen Düsternis. Man sah tatsächlich einen Stern, wohl die Venus, und die Automatik des Leuchtturmes besann sich auf ihre Pflicht und ließ das Leuchtfeuer kreisen.
Die Reaktion der Tierwelt war nicht zu verfolgen - es gab nur ein paar Ziegen, die in ihrem umzäunten Areal unbeeindruckt bleiben. Der Rest der Fauna war schon von der Anwesenheit von 300 Menschen zum Verstummen gebracht worden. Serif lief herum und fotografierte fotografierende Fotografen, wie er schon zuvor gleichgerichtete, gleichbebrillte Himmelsgucker auf´s Korn genommen hatte. Auch er spekulierte auf die Koronafotos der Spezialisten und dokumentierte lieber die Reaktion als das Ereignis selbst.
Der dritte Kontakt beendete die totale Phase und jeder fühlte eine irrationale Erleichterung über die langsame Rückkehr des normalen Lichtes. Allgemein zeigte sich ein völliges Desinteresse an der dritte Phase und ich bin überzeugt, daß im Moment des vierten Kontaktes, wenn der Mond die Sonne wieder ganz freigibt, kein Mensch mehr dort war und noch hätte hinschauen wollen. Auch wir brachen vorher auf und wanderten mit der Meute den Weg zum Auto hinab.
Die Rückfahrt war dank des Landroverfuchtlers ungestört, weil die meisten "Sofisten" noch zu Fuß bis zum jeweiligen Wagen auf der Wiese wandern mußten. Am frühen Nachmittag waren wir zurück in der Pension und hörten die Berichte der Daheimgebliebenen, die alles auf der "Kanzel" am Wasserdepot erlebt hatten. Dort sei es schön einsam und auch eindrucksvoll genug gewesen. Mir aber hat die ganze Aktion mit der Vorplanung und dem gelungenen Ablauf so gut gefallen, daß ich immer noch Stefan Meiers triumphierende Stimme auf der Hinfahrt: "Plan ´A´ greift!" rufen höre.
Bleibt nachzutragen, daß der Himmel am nächsten Tag vollständig zugezogen war, als wollte uns jemand sagen, daß wir die gute Sicht tags zuvor gefälligst dankbar zu schätzen hätten.
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