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von Holm Thieme und Mirko Harnisch

4. Dezember 2002 - 30 Sekunden Ewigkeit

Bericht einer Infektion mit dem Finsternisvirus

Aufnahme Holm Thieme
Mitte der Totalität: Der Kernschatten auf der Atmosphäre (Canon EOS 500, ISO 200, f=35mm, t,A=Auto)

Aufnahme Holm Thieme

Am 4. Dezember 2002 kam es zur zweiten totalen Sonnenfinsternis in diesem Jahrtausend, bei der der Kernschatten des Mondes erneut über die Südhemisphäre raste. Während aus himmelsmechanischer Sicht Afrika der bessere Standort war, versprach Australien eine spektakuläre Verfinsterung der Sonne in Horizontnähe. Und nicht nur das - der Kernschattenpfad legte fast seine gesamte Landstrecke in Australien in dessen trockenstem Bundesstaat zurück, was beste Wetteraussichten bedeutete. Dazu kam noch: Wir wollten nach der Sache mit Stuttgart endlich die Korona und Protuberanzen sehen, ohne uns wegen des Wetters übermäßige Sorgen zu machen. Wie sich herausstellte, würden wir diesmal zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein...

Aufnahme Holm Thieme
Holm Thieme und Mirko Harnisch am 4.Dezember 2002 an der Roxby Road, Südaustralien

Am Montag, dem 2. Dezember 2002 galt es, 8 Wochen Planung in die Tat umzusetzen. Mit einem gemieteten Ford Laser machten wir uns von Sydney auf den Weg zum Kernschattenpfad, der von Ceduna an der Grossen Australischen Bucht beginnend, in ostnordöstlicher Richtung über den Bundesstaat Südaustralien verlief. Die Zentrallinie verfehlte dabei Cameron Corner, das sagenumwobene "Dreiländereck" in der Wüste, wo sich Neusüdwales, Queensland und Südaustralien treffen, nur um ein paar Kilometer. Einige Hartgesottene verfolgten die Finsternis von dort, wo die Sonne nur noch 1 Grad über dem Horizont stand. Unsere Entscheidung fiel aber zugunsten eines Standorts, der der beste Mittelweg aus Horizonthöhe von Sonne und Mond zur fraglichen Zeit und Entfernung vom Meer erschien. Beides sollte so groß wie möglich sein, um das Risiko hereinziehender Wolken vom Meer bzw. Dunst oder Staub in der Wüste in Horizontnähe zu minimieren. Außerdem sollte er auf einer asphaltierten Strasse erreichbar sein, was in dem gewaltigen Inneren des Kontinents keine Selbstverständlichkeit ist.

Die Wahl fiel schließlich auf eine Stelle ca. 40 km nördlich von Woomera, der Forschungsraketenstadt, die auch wegen ihres Internierungslagers für illegale Einwanderer desöfteren in die Schlagzeilen gerät. Warum Raketenstützpunkt und Lager gerade dort sind, wird dem Besucher schnell klar, wenn er dorthin fährt: die Entfernung zu den Nachbarstädten ist dramatisch; die nächste, Roxby Downs, am Rande der Simpson Desert, liegt 80 km entfernt. Von kleinen Häuseransammlungen abgesehen, streckt sich dazwischen unbewohnte, karge Landschaft. Fast genau auf halber Strecke zwischen Woomera und Roxby Downs war einer der 4(!) Punkte in ganz Australien, an denen der Kernschattenpfad eine befestigte Durchgangsstraße kreuzte, in unserem Falle die Roxby Road. Dort findet sich außer Steppen- und Wüstenlandschaft und den Zäunen des Woomera Prohibited Area eher wenig Interessantes.

Die kalkulierte Strecke von Sydney dorthin betrug 1850 km. Die erste Etappe führte uns über 1180 km nach Broken Hill, der Bergbaustadt im äußersten Westen von Neusüdwales. Die Strecke war uns bereits von früheren Outbacktouren bestens vertraut, was das Kalkulieren der Fahrzeiten und des Verbrauchs sehr erleichterte. Außerdem glauben wir, dass eine Fahrt durch das Outback ein viel intensiveres Erlebnis ist als ein Flug darüber, auch wenn Fahrtabschnitte wie dieser extrem lang sind. Nach einer unruhigen Nacht (der Tag der Schwarzen Sonne stand ja vor der Tür) führte uns die zweite Etappe am 3. Dezember bis nach Port Augusta über ca. 500 km.

Logistisch stellte Port Augusta den wichtigsten Punkt für fast alle dar, die sich das Ereignis vor Ort anschauen wollten. Per Flugzeug angereist, musste man zwangsläufig hier durch, es sei denn, man kam über Perth oder Darwin. Entsprechend voll waren die Strassen und öffentlichen Einrichtungen der kleinen Stadt am nördlichen Ende des Spencer Golfs. Man konnte den Eindruck gewinnen, die totale Finsternis findet hier statt. Hier musste auch die Entscheidung fallen, wo man letztendlich hinfahren wollte. Im Falle einer Fehlentscheidung musste man, von den beiden Stellen bei Woomera abgesehen (unser Standort und der bei Glendambo am Stuart Highway, ca. 160 km entfernt), mindestens 6 Stunden Fahrt ansetzen. Etwaiges Nachjagen hinter Wolkenlücken fiel definitiv aus. Daher warteten wir bis zum Morgen des "Eclipse Day", bevor wir die 3 Alternativen zum Ort unserer Wahl basierend auf dem Wetterbericht entgültig fallen lassen konnten.

Um 7 Uhr 30 am 4. Dezember verließen wir Port Augusta, zunächst auf dem Stuart Highway Richtung Nordwesten, bis wir in Pimba, einem Außenposten Woomeras, Richtung Norden abbogen. Nachdem wir in Woomera einen Stellplatz für die Nacht und die traditionelle SoFi-Brille organisiert hatten, fuhren wir weiter nordwärts, bis wir nach 41 km unser Ziel erreichten. Laut Karte war hier eine Abzweigung nach Andamooka, einer Opalmine mitten in der Wüste. Hätte es diese Abzweigung nicht gegeben, hätten wir außer GPS noch 2 weitere Möglichkeiten zur genauen Bestimmung gehabt: 1. Schilder mit der Aufschrift "Eclipse Path" sollten Autofahrer vor plötzlich passierenden SoFis warnen, 2. Zwei Australier, bewaffnet mit Sonnenschirm und -Plane und dem obligatorischen "Esky", dessen Aufgabe vorrangig darin bestand, Bier kalt zu halten, stritten sich bereits 9 Stunden vor dem Ereignis darum, wer nun genau auf der Zentrallinie steht und damit die längere Verfinsterung erlebt.

Aufnahme Holm Thieme
Unser Beobachtungsstandort: 136°54'04"O, 30°49'26"S am späten Vormittag des 4. Dezember 2002.

Wir stellten unser Fahrzeug ab und begannen damit, die nähere Umgebung zu erkunden nach einer Düne, die einen günstigen Blick Richtung Westen abgab. Die Sonne stieg auf eine Mittagshöhe, die nicht einmal 10 Grad vom Zenit entfernt war und den eigenen Schatten zu einem kleinen Fleck um die Füße werden ließ. Die Strahlungswärme war erheblich und die Sonnencreme mit SPF 30 wurde auf eine harte Probe gestellt. Aber mit Strahlungswärme sollte um 19.41 Ortszeit Schluss sein, hofften wir. Der starke Wind sorgte am Tage für ausreichende Kühlung, wenn auch mit Sandkörnern durchsetzt, und wir hofften, dass er bis zum Abend nachlassen würde. Für einen Mitteleuropäer ist die Wüste recht unterhaltsam, es gibt mehr Lebewesen zu beobachten als man zunächst denkt. So vergingen dann auch die Stunden der Spannung relativ schnell, und nachdem wir uns gegen 18.30 Uhr am Beobachtungspunkt niedergelassen hatten, erfolgte keine Viertelstunde später der erste Kontakt.

Aufnahme Holm Thieme
Aufnahme Holm Thieme
An Professionalität kaum zu überbieten: Minuten nach dem 1. Kontakt, aufgenommen mit Videokamera durch die Schweißmaske, die zu hell war und angewinkelt werden musste. Dadurch wurde der Wüstenboden in das Bild reflektiert. (Sony Handycam Hi8, Standbild)

An dieser Stelle vielleicht ein Wort zu unserer Ausrüstung: Sie war, vornehm umschrieben, rustikal und bestand aus einer Schweißmaske Stärke 12 ($19.80 bei Mitre 10 und etwas zu hell), einer Sony Hi8 Videokamera, einer Canon EOS 500 mit 35-80mm Objektiv und der schon erwähnten SoFibrille. Der ursprüngliche Plan war gewesen, nichts zur Aufzeichnung mitzunehmen in der Überzeugung, dass auch die besten Aufnahmen des Schauspiels nicht annähernd an das heranreichen, was der Betrachter direkt erlebt. Um aber doch etwas davon für die anderen einzufangen, entschlossen wir uns dann doch, wenigstens eine Grundausstattung zum Einsatz zu bringen.

Der erste Kontakt erfolgte um 18.42 Uhr Ortszeit bei einer Höhe von ca. 18 Grad. Das würde hoch genug für einen dunstfreien Blick sein. Der Himmel war, wie schon den gesamten Tag, absolut wolkenlos - gerade bei horizontnahen Ereignissen ein wünschenswerter Zustand. Die folgende Stunde verbrachten wir damit, die immer tiefer werdende partielle Finsternis zu verfolgen. Verfinsterungsstufen vergangener Ereignisse die wir beobachtet hatten, z.B. am 12.10.96, zogen vorüber- schließlich auch jener Bedeckungsgrad, der am 11.8.99 in Stuttgart zuletzt zu sehen gewesen war, bevor die Wolken der Aussicht ein Ende gemacht hatten.

Ab jetzt sahen wir alles zum ersten Mal. Die immer dünner werdende Sonnensichel warf immer gespenstischeres, leicht ins rötliche gehendes Licht auf die Umgebung, deren natürliche Rotfärbung dies noch verstärkte. Trotz der immer mächtiger werdenden Dunkelheit warfen alle Objekte nach wie vor einen scharfen Schatten. Selbst das bloße Auge sah nun, dass die Sonne ihr Aussehen rapide veränderte.

19.41 Ortszeit: Das Schauspiel beginnt (Sony Handycam Hi 8, Standbild)
Aufnahme Holm Thieme
Aufnahme Holm Thieme

Um 19.41 Uhr schien sich der Vorgang dramatisch zu beschleunigen, erschreckend schnell wurde für das bloße Auge die dunkle Scheibe des Mondes sichtbar, der sich mit unheimlich erscheinender Geschwindigkeit vor den letzten Lichtstrahl schob, der noch übrig geblieben war. Der bis dahin mäßig bis stark wehende Wind verlor zusehends an Kraft. Die Leichtigkeit, Schnelligkeit und Lautlosigkeit, mit der dies alles geschah, raubte uns die Fähigkeit, koordiniert zu handeln oder zu denken. Was sich nun bot, glich einer Erscheinung aus einer anderen Welt - das, was man nur von Bildern und Beschreibungen kannte, fand statt- hier und jetzt. Der Mond, dessen Farbe ein dunkles Blaugrau -nicht völlig schwarz- war, war umgeben von den pinkfarbenen Flammen der Protuberanzen. Eingeschlossen war dieses phantastische Schauspiel von der Sonnenkorona, die mit schleierartigen Armen ca. 2 Sonnendurchmesser ausfächerte. Sie war erwarteterweise recht asymmetrisch geformt, deutlich höher als breit.

Aufnahme Holm Thieme
Die "aufrecht" stehende Korona (Sony Handycam Hi 8, Standbild)

Über uns hatte sich der Kernschatten als dunkler Streifen über den Himmel gelegt, von der verfinsterten Sonne im Westen über den Zenit bis zum gegenüberliegenden Horizont (um das zu sehen, opferte ich 3 Sekunden Sonnenanblick). Seine Farbe war dunkelblau und nach Osten hin dunkler als im Westen. Flankiert war das ganze von 2 rot-gelben Dämmerungsstreifen an den Seiten, die bis auf etwa 45 Grad hinaufreichten und dem Schatten in Horizontnähe eine ausgeprägte V-Form verliehen.

Verglichen mit der Stuttgarter "Mittagsnacht" war es insgesamt während der Totalität verhältnismäßig hell - der Kernschatten war weniger als 30 km breit. Das aberwitzige Schauspiel stand lautlos am Himmel, und die Zeit reichte nicht dazu, wirkliche Ruhe einkehren zu lassen. Nach einer halben Minute traf uns ein gleißender Strahl vom linken unteren Rand der Mondscheibe, gleichzeitig kroch der dunkle Schatten am Himmel nach oben, und ein atemberaubender Diamantring war für weitere 5 Sekunden sichtbar. Das war viel länger, als wir als unerfahrene Beobachter erwartet hatten - vielleicht haben wir auch nur lange genug hingesehen. Das Augenlicht blieb uns jedenfalls erhalten.

Aufnahme Holm Thieme
Kurz nach dem 3. Kontakt: Das Licht kehrt zurück, der Kernschatten wandert nach oben weg (Canon EOS 500, ISO 200, f=35mm, t,A=Auto)

Aufnahme Holm Thieme
Länger als erwartet zu sehen war der 2. Diamantring. Zwischen den Bildern liegen ca. 5 Sekunden (Sony Handycam Hi 8, Standbild)

Die Menschen an unserem Standort begannen nun, in atemloser Aufregung das soeben erlebte zu diskutieren, aber die Show war noch nicht vorüber. Die wieder größer und heller werdende Sichel senkte sich jetzt immer mehr zum Horizont, und schließlich ging eine noch partiell verfinsterte Sonne am klaren Horizont unter. Dabei wurde sie kurzzeitig in 2 helle Lichtpunkte zerteilt, als auch der Mondrand sich hinter den Horizont zu schieben begann. Die rechte "Zacke" der Sonnensichel verschwand kurz darauf, und die verbleibende Spitze bot noch ca. eineinhalb Minuten lang ein eher ungewöhnliches Bild einer dreieckigen Sonne.

Aufnahme Holm Thieme
Die Sonnensichel schiebt sich hinter den Horizont (Canon EOS 500, ISO 200, f=35mm, t,A=Auto)

Nach diesem spektakulären Tag reihte sich unser Fahrzeug schließlich in die wahrscheinlich größte Autokolonne ein, die die Roxby Road bis dahin gesehen hatte, und wir fuhren zurück nach Woomera, um dort die Nacht zu verbringen. Die befürchtete Post-Eklispen-Depression blieb gänzlich aus, stattdessen stellte sich ein allumfassendes Gefühl von Zufriedenheit ein - zum ersten Mal war es vollkommen egal, was als nächstes kommen würde, auch die Aussicht auf den Alltagstrott war weit weniger schlimm als bei einem normalen Urlaub. Wir hatten nun das Ultimative gesehen, konnten sämtlichen Herausforderungen des Lebens ab jetzt mit einer Gelassenheit begegnen, die mitunter durch jahrzehntelange Lebenserfahrung nicht erreichbar scheint. Es ist einigermaßen erstaunlich, was solch ein Ereignis für Auswirkungen auf die Persönlichkeit haben kann, aber solange diese positiv sind, haben wir nichts einzuwenden.

Am nächsten Tag fuhren wir nach Adelaide, wo sich eine überraschend große Zahl an "Eclipse-Chasern" zusammengefunden hatte. Wir unterhielten uns noch ausgiebig über das Ereignis vom Vortag und erfuhren so auch von Brett Kitchener von der Tasmanian Astronomic Society, wie knapp Ceduna, der astronomisch gesehen beste Standort in Australien an jenem Tag, an einem Wolkendebakel vorbeigeschrammt war. Ganze 3 Minuten vor der Totalität war dort die Sonne von den Wolken wieder freigegeben worden. Unter so vielen Gleichgesinnten ist uns dann endlich auch klar geworden, dass wir nun auch unheilbar mit dem Finsternisvirus infiziert sind. Entsprechend groß ist die Vorfreude auf das nächste Mal.

Fotos: Holm Thieme
Videobilder und Bericht: Mirko Harnisch
Reproduktion nur mit Einverständnis der Autoren.



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21.12.2006 00:00 Uhr, Arnold Barmettler

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