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Totale Sonnenfinsternis im Westen von Sambia

Reisebericht mit Bildern

Totale Sonnenfinsternis

Die erste Sonnenfinsternis des 3. Jahrtausends führte über das südliche Afrika. Der knapp 200 Kilometer breite Streifen der totalen Sonnenfinsternis durchquerte die Länder Angola, Sambia, Simbabwe, Mali, Mosambik und Madagaskar. Obwohl die Sonnenfinsternis am besten von Angola aus zu beobachten gewesen wäre, verunmöglichte die unsichere politische Lage eine Reise durch dieses Land. Der Westen Sambias bot mit Angola vergleichbare meteorologische Bedingungen, wenn auch eine um eine gute Minute kürzere Dauer der totalen Finsternis. Deshalb beschlossen wir - eine Gruppe von drei Leuten der Urania-Sternwarte Zürich - unser Finsternisglück im Westen Sambias zu versuchen. Ein einzigartiges Naturerlebnis erwartete uns.

   Baobab mit Hütte

Affenbrotbaum am Kafue-Fluss (Sambia).

Der Streifen der totalen Sonnenfinsternis begann in Sambia beim Ort Zambesi an der Grenze zu Angola, fürhte zwischen Kasempa und Kaoma hindurch, querte danach den nördlichen Kafue-Nationalpark und erreichte schliesslich die Hauptstadt Sambias Lusaka. Nach NASA-Bewölkungsstatistiken ist der Westteil des Landes im Juni fast immer wolkenlos, während für die Hauptstadt ein teilweise bewölkter Himmel vorkommen konnte. Ausserdem dauerte die Finsternis im Westen etwas länger und die Sonne stand noch etwas höher am Nachmittagshimmel als in Lusaka. Deshalb entschlossen wir uns, zu versuchen, in die Nähe der Zentrallinie (die Mitte der Zone totaler Sonnenfinsternis) zwischen Kaoma (Mankoya) und Kasempa zu kommen. Mindestens auf der Karte war auch eine Verbindungsstrasse zwischen den beiden Ortschaften eingezeichnet, die bei einem Dorf namens Mushima die Zentrallinie kreuzte. Der Grossteil der Finsternisreisenden entschloss sich jedoch, die Finsternis in der Nähe von Lusaka zu erleben.

 

Zum Zambesi

Hauptstrasse in den Norden Botswanas  

Eine Giraffe überquerte die Strasse in den Norden von Botswana.

Als wir in der zweiten Jahreshälfte 2000 mit der Planung der Reise begannen, war es nicht mehr möglich, in Sambia selbst ein geländegängiges Fahrzeug zu mieten. Nur in Johannesburg (Südafrika) waren im November 2000 noch Campingfahrzeuge mit Allradantrieb f¸r den Juni 2001 zu reservieren. Wir mussten deshalb von Johannesburg nach Sambia fahren. Normalerweise fährt man von Südafrika via Simbabwe nach Sambia, doch hatte sich in Simbabwe zuerst die politische Lage und dann auch die Versorgungssituation in den Monaten vor der Finsternis sehr verschlechtert. Deshalb entschlossen wir uns via Botswana nach Sambia zu fahren.


   Fähre

Fähre über den Zambesi bei Kasane.

In Botswana führt eine gut ausgebaute Hauptstrasse von der Hauptstadt Gaborone bis in den nordwestlichsten Zipfel des Landes zum Zambesi-Fluss. Jenseits des Flusses liegt Sambia. Es gibt von Botswana nach Sambia keine Brücke über den Fluss sondern nur eine Fähre, deren Kapazität auf ein Lastwagen plus 4 Personenwagen beschränkt ist. Die Überfahrt an das Ufer von Sambia mussten wir uns wegen des starken Andrangs der Lastwagen mit einem halben Tag warten verdienen. Zuweilen stritten sich die Fernfahrer um die Reihenfolge in der Warteschlage.

 


Potholes und Sandpisten

Viktoria-Fälle  

Die Victoria-Fälle bei Livingston, Sambia

Nach der Überfahrt über den Zambesi machten wir schon hinter dem Zollgebäude von Kazungula Bekanntschaft mit den Strassen von Sambia. Diese gleichen zumindest stellenweise eher einer Kraterlandschaft denn einer Strasse. Risse im Belag weiten sich bei fehlendem Unterhalt zu Schlaglöchern aus, die so gross werden können, dass man problemlos ein Kanalisationsrohr darin versenken könnte. Abschnitte mit wenig bis gar keinen Schlaglöchern können abrupt und ohne Warnschild in einen regelrechten Kraterfeld übergehen. Dies galt besonders für unsere erste Strecke vom Grenzposten Kazungula bis nach Livingstone bei den Vikoria-Fällen, wo wir die erste Nacht auf Sambias Boden verbrachten.


   Kaoma

Blick von Norden nach Kaoma.

Nach einem touristischen Morgen bei den Vikoriafällen, fuhren wir in zwei Tagen auf der Hauptstrasse von Livingstone über Lusaka zum Kafue-Nationalpark. Die Strasse bis Lusaka war in guten Zustand, jedoch von Lusaka Richtung Kafue-Park waren nicht alle Abschnitte leicht zu befahren. Am Rand des Kafue-Parks verbrachten wir die Nacht in einer Lodge. Ob es der Elefant war, den wir am Abend ein paar hundert Meter vom Zeltplatz entfernt sahen, der irgendwann in der Nacht unsere Zelte beschnupperte, wissen wir nicht. Jedenfalls war er am folgenden Morgen noch immer in der Nähe.

Am nächsten Nachmittag erreichten wir nach einer Fahrt über unzählige Schlaglöcher Kaoma, eine kleine Stadt etwa 50 Kilometer westlich des Kafue-Parks. Der auf der Karte eingezeichnete Campingplatz hatte wohl nie existiert, jedoch führten irische Schwestern neben einem Kinderheim auch ein paar Ferienwohnungen, die allerdings bereits von Entwicklungshelfern und UNHCR-Mitarbeitern belegt waren. Wir konnten auf dem Hinterhof campen, wo es auch WCs und zwei neue Duschen gab. Dies war ein ausgezeichnetes Basiscamp, um in den folgenden Tagen den Weg Richtung Zentrallinie zu suchen.


Kaoma lag ein paar Kilometer ausserhalb des Südrandes der Zone totaler Sonnenfinsternis. Richtung Norden führte in der Tat eine Piste von Kaoma Richtung Zentralline. Sie hatte abschnittsweise die Qualität eines Forstweges, manchmal glich sie auch eher einem ausgetrockneten Bachbett. Diese Piste ermöglichte es uns, vom Basiscamp aus innerhalb von wenigen Stunden so nahe an die Zentrallinie zu gelangen, dass die totale Finsternis deutlich länger als 3 Minuten dauern würde. Beim Rekognoszieren zwei Tage vor der Finsternis begegnete uns eine Schweizer Astronomengruppe, die auf derselben Piste mit vier Fahrzeugen Richtung Zentrallinie vorstiess. Sonst trafen wir keine weiteren westlichen Finsternisjäger, wenn man von einem Ehepaar absieht, dass wir am Finsternistag vorbeifahren sahen.

Sandpiste  

Auf dem Weg zum Beobachtungsplatz.

Das Gebiet nördlich von Kaoma ist ziemlich dicht bewaldet. Doch gab es entlang der Strasse ein paar grössere Rodungen, die eine Beobachtung erlaubten. Nach ca. 70 Kilometern fahrt über die Piste, überschritten wir die Linie für 3 Minuten 20 Sekunden Totalitätsdauer. Dort fanden wir eine grössere Rodung, die gleichzeitig auch den Blick auf sanfte Hügel Richtung Norden freigab. An dieser Stelle bei 14°17'26" Süd und 24°56'57" Ost (nahe Mushima) würden wir 200 Sekunden totale Sonnenfinsternis erleben. Ausserdem könnten wir von hier aus nach der Finsternis noch bei Tageslicht nach Kaoma zurückkehren. Deshalb entschlossen wir uns, auf die etwa dreissig Sekunden zusätzliche Totalität zu verzichten, die uns eine Weiterfahrt zur über 40 Kilometer weiter nördlich gelegenen Zentrallinie gebracht hätte.

 


Staunen in Kabaunda

Am Finsternistag brachen wir früh von Kaoma aus zum Beobachtungsplatz auf. Da der Platz nicht weit von Dorf Kabaunda im Kalumwange-Gebiet entfernt war, begleitete uns eine Einheimische um zu übersetzten und zu erklären, was an diesem Nachmittag vorgehen würde.

   Gruppenfoto

Die Expeditionsteilnehmer (von links nach rechts) M. Heimgartner, R. Brodbeck (Urania ZH, astro!nfo) und M. Pesendorfer (Urania ZH), sowie zahlreiche Einwohner des Dorfes Kabaunda (Sambia).

Da die zweieinhalb Stunden lange Anfahrt durch den Wald problemlos verlief, waren wir schon um 10 Uhr auf dem Beobachtungsplatz. Der erste Kontakt wurde erst um 13:32 Uhr erwartet. Bald hatten sich ein wohl nicht geringer Teil der Dorfbevölkerung um unser Auto versammelt. Die Einheimischen hatten zwar schon gerüchteweise gehört, dass heute irgendwas mit der Sonne geschehen würde, doch so ganz genau wusste kaum jemand Bescheid. Die Übersetzung unserer Erklärungen in die Sprache der Einheimischen erwies sich als sehr nützlich, auch um zu erklären, was nun an der Finsternis gefährlich ist und was nicht. Während sich die Frauen bald wieder an die Arbeit machten, blieben die Burschen und Männer des Dorfes in der Nähe.

Nach 13 Uhr verteilten wir an die um uns stehenden noch die restlichen Sonnenfinsternisbrillen, die wir mitgebracht hatten. Den grössten Teil der 50 Brillen hatten wir bereits dem Waisenhaus der Schwestern geschenkt. Um halb zwei Uhr liessen wir durch unsere Übersetzerin ankündigen, dass nun in zwei Minuten die Sonnenfinsternis beginnen würde. Als wirklich zwei Minuten später ein kleines Stück der Sonne fehlte, ging ein Ruck durch die ca. zwei Dutzend Dorfbewohner, die vorher noch rings um das Auto standen. Alle befanden sich auf einmal in respektvollem Abstand zum Wagen. Wie uns unsere Übersetzerin erklärte, waren die Leute sehr erstaunt über die Präzision, mit der wir die Finsternis vorhersagen konnten. Auch wurden sie sich wohl in dem Moment bewusst oder glaubten nun, dass sich der Nachmittag genau so abspielen würde, wie wir es voraus gesagt hatten. Es lagen nun noch anderthalb Stunden partielle Finsternis vor uns, bis die Sonne total verfinstert würde.

 

Totalität im afrikanischen Busch

Diamantringeffekt  

Der zweite Kontakt; Beginn der totalen Finsternis.

Mehr und mehr der Sonne wurde nun vom Mond bedeckt. Es wurde merklich kühler und dunkler, während die Schatten der Gegenstände immer schärfer wurden. Der Himmel blieb klar und blau. Keine Wolken würden den Blick auf die Korona versperren. Um 15 Uhr und drei Minuten schrumpfte die Sichel fast plötzlich zu einem hellen Punkt zusammen; für ein paar Sekunden kam noch Sonnenlicht durch ein tiefes Mondtal. Filter und Finsternisbrillen wurden nun abgenommen. Mit dem letzen verschwindenden Funken Sonnenlicht - ein prächtiger Diamantringeffekt - erschien auch die Korona der Sonne.
  Innere Korona

Die innerste Korona.

Einmal mehr erstaunte mich ihre gewaltige Grösse und die vielen Detailstrukturen, die fast wie Haare von der dunklen Mondscheibe auszugehen schienen. Eine kleine Protuberanz zeigte sich rechts oben ca. Richtung 11 Uhr, doch war diese bei weitem nicht so einprägsam, wie die Protuberanzen der totalen Finsternis von 1999.

Korona  

Die Korona.

Der Wind hatte unmittelbar vor der Finsternis seine Richtung gewechselt. Im Süden gegen den Schattenrand hin war nun der Horizont gelb. Im Hintergrund hatte der Gesang der Vögel aufgehört. Nun sorgte das Gezirp von Grillen für eine etwas fremdartige Abendstimmung. Vom Dorf her hörte man die Frauen ein Lied singen, was den magischen afrikanischen Eindruck der Stimmung noch verstärkte.

   Horizontleuchten

Blick zum Horizont während der totalen Finsternis. Hier gibt es ein animiertes GIF (3 MByte).

Bis auf Jupiter habe ich keine Sterne wahrgenommen, doch es blieb auch keine Zeit, nach Sternen zu suchen. Schon wurde der Horizont Richtung Westen wieder heller und die Schattengrenze stand schon recht hoch. Die letzten Sekunden nutze ich, um nochmals mit dem Fernglas über die "Haare" der Korona zu streifen. Kurz darauf funkelte das erste Sonnenlicht durch ein Mondtal; die Totalität war vorüber.

3. Kontakt  

Der 3. Kontakt, Ende der totalen Finsternis.

Etwa eine Minute brauchten alle, um das Erlebte zu verarbeiten. Dann kam die Erleichterung und Freude darüber, dass man es tatsächlich geschafft hatte. Wir waren wirklich Zeuge der afrikanischen totalen Sonnenfinsternis geworden. Die lange Vorbereitung und Reise hatte sich gelohnt.

 


Abschied

In Kaoma  

Am Abend in Kaoma.

Nach der Totalität war die Stimmung gelöst und entspannt. Ein Gruppenfoto von Dorfbewohnern plus Finsternisjägern machten wir noch während der zweiten partiellen Phase. Natürlich mussten wird dem Dorf versprechen, auch ein Abzug zu schicken.

Am Abend in Kaoma war die Finsternis auch das Gesprächsthema. Obwohl die Finsternis dort ganz knapp nicht total war, waren die Leute auch beeindruckt. Besonders der markante Temperaturrückgang blieb in Erinnerung. Von den Schwestern des Kinderheims wurden wir zu einer Grillparty eingeladen, zu der wir eine Führung mit einem auf ein Stativ montiertem Fernglas durch die südliche Milchstrasse beisteuerten. Die folgende Nacht im Zelt war besonders kalt; von wegen heisses Afrika! Ob die Kälte Zufall war oder ob die durch die Finsternis bedingte geringere Tageswärme auch zu einer tieferen Nachttemperatur führte, bleibt Spekulation.

   Zambesi

Sonnenaufgang auf der Sambesi-Fähre auf dem Weg zurück nach Botswana.

Obwohl diese Finsternis meine dritte Totale war, ist das Erlebte alles andere als einfach Routine. Die Finsternis im afrikanischen Busch brachte so viel an Eindrücken, dass man eine Weile braucht, um sich bewusst zu werden, wie einzigartig das Erlebte wirklich war. Mit der Faszination wächst auch der Wunsch, eine weitere Finsternis zu erleben und man beginnt an die Zukunft zu denken: Am 4. Dezember 2002 wird der Kernschatten des Mondes noch einmal über das südliche Afrika ziehen.

 

Roland Brodbeck

© alle Fotos Marc Pesendorfer (Urania-Sterwarte Zürich) und Roland Brodbeck (Urania-Sterwarte Zürich, astro!nfo). Die Repoduktion der hier gezeigten Bilder und des Textes (auch auf Internetseiten) ist ohne schriftliche Genemigung der Autoren nicht gestattet.

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20.12.2006 23:59 Uhr, Dr. Roland Brodbeck

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