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Sonnenfinsternis vom 11. August 1999

Als der Hahn den zweiten Morgen verkündete

Thomas Baer und Peter Salvi, beide von der Sternwarte Bülach, wählten schon früh die Region um Szombathely im Westen Ungarns als Beobachtungsort aus. Sie erlebten eine praktisch wolkenlose Finsternis.

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Während von Cornwall bis München die Volksmassen in die Wolken guckten, war die Sonnenfinsternis von vielen Plätzen Österreichs gut zu sehen. Noch begünstigter war Südosteuropa; über Ungarn, Rumänien, der Türkei und dem Iran herrschten perfekte Verhältnisse. An unserem Beobachtungsplatz, rund 15 km östlich von Szombathely (zu deutsch Steinamanger) trübte keine einzige Wolke das Himmelsschauspiel. Hier der Erlebnisbericht:

Schon am Sonntag vor dem grossen Ereignis reiste unsere Viererdelegation der Bülacher Sternwarte von Wien aus ins südliche Burgenland, wo wir schon Monate im Voraus im Thermalkurort Bad Tatzmannsdorf Zimmer buchten. Auf der Fahrt in die Kernzone stieg die Spannung von Stunde zu Stunde, denn kein anderes Thema als die bevorstehende Sonnenfinsternis erhitzte die Gemüter, und selbst die Moderatoren wussten die Massenhysterie rund um das Ereignis anzuheizen. Die «Wetterfrösche» informierten fast pausenlos über die aktuellste Entwicklung. Ausgerechnet am Mittwoch sollte eine Kaltfront über Österreich hereinziehen. Doch aus den Berichten wurde man wenig schlau. Einmal gaben die Meteorologen für das Burgenland die besten Chancen, tags darauf tönte es wieder weniger optimistisch. Da blieb dem Ö 3-Moderator nur die lakonische Bemerkung: «Hauptsache, Ihr einigt euch!» Auch im Fernsehen wurde fleissig über das bevorstehende Naturschauspiel berichtet. Nicht weniger als 5000 Finsternis-Fans sollten dieser Tage allein Bad Tatzmannsdorf belagern, von wo aus das ORF live berichtete. Alle Hotels waren besetzt; das Freibad sah vermutlich noch nie so viele Sonnenhungrige, wie am Tag vor der Finsternis.

Nervenkitzel auch im Burgenland

Fleissig verfolgten wir über das Burgenländische Kabelfernsehen BKF die aktuellsten Satelliten- und Radarbilder. Noch war es heiss und wolkenlos über dem Osten Österreichs. Die Schwüle bei fast 34°C war in den Nachmittagsstunden kaum auszuhalten. In den Zeitungen waren die Prognosen für den 11. August recht diffus. Doch immerhin rechnete man sich im südlichen Burgenland österreichweit die grössten Chancen auf wolkenfreie Sicht aus. Am Abend vor der Finsternis zog schliesslich die erwähnte Gewitterfront durch und brachte die erfrischende Abkühlung. Schon wenige Stunden später klarte der Himmel gänzlich auf und wirkte irgendwie beruhigend. Voller Zuversicht, dass alles gut kommen wird, legten wir uns schlafen. Doch gegen vier Uhr weckte mich das Prasseln eines Gewitterregens. «Nein, das darf doch nicht wahr sein», war meine erste Reaktion. Wetterleuchten erhellte das Zimmer. Noch um sechs Uhr tröpfelte es leise, doch ein kräftiges Morgenrot und ein wunderbarer Regenbogen im Westen liessen neuerliche Hoffnungen aufkommen.

Über Ungarn klarte es auf

Die Radarbilder zeigten zwei Gewitterherde, die mit starken Südwestwinden rasch nach Nordosten abdrifteten. Südlich davon war es wolkenlos, und hinter dem Störungsgebiet klarte der Himmel rasch auf. Wie vorgesehen, fuhren wir um 7 Uhr Richtung Ungarn los. Der Verkehr rollte problemlos; auch am Grenzübergang versäumten wir nicht mehr als eine Viertelstunde. Noch auf der Fahrt an unseren Finsternisplatz am Rande des Dorfes Pecöl (ca. 15 km östlich von Szombathely) schien uns die zweite Gewitterfront einzuholen. Schon pokerte ich mit der Möglichkeit, direkt an den Balaton-See zu fahren, denn Richtung Südosten riss die Wolkendecke immer stärker auf.

Wir waren gut in der Zeit. Als wir auf dem Feldweg in Pecöl ankamen, blies uns ein steifer, frischer Südwestwind um die Ohren. Dieser hatte die gefürchtete Regenwand zum Glück vertrieben. Aus Südwesten taten sich immer grössere Wolkenlücken auf; in Graz, so die Meldung, kam gar die Sonne heraus. Wir blieben an unserem Platz und wurden dafür mehr als belohnt. Bereits nach 10 Uhr hatte es gänzlich aufgeklart. Nur am Horizont hingen bis auf etwa 5° Höhe noch einige Wolkenfetzen herum, die uns aber wenig beeindruckten. Dank des Niederschlags wölbte sich ein stahlblauer Himmel über unseren Köpfen; der Tage zuvor störende Dunst war verschwunden.

Unbeschreibliche Stimmung

Eine Familie aus Bülach gesellte sich zu unserer Equipe und genoss das grandiose Naturschauspiel mit uns. Das Zirpen der Zikaden, das Zwitschern der Vögel nahmen ihren gewohnten Gang. Zwei Bauern pflügten den Acker, ganz zur Freude der Störche, die eifrig nach Mäusen jagten. Pünktlich um 11:24.23 berührte der Mond die Sonne oben rechts zum erstenmal. Je mehr sich das unsichtbare Dunkel an der Lichtquelle zu schaffen machte, desto stärker lösten sich die Blautöne des Himmels langsam in metallische Farben auf. Die Farben schienen auf einmal viel intensiver, die Schatten zeichneten immere schärfere Konturen. Durch die spürbare Abkühlung bildeten sich kleinere Quellwölkchen. Auch im Westen stieg ein bizarres Gebilde in die Höhe. Die Finsternisneulinge fürchteten sich vor dem quellenden Weiss. Da konnte ich sie beruhigen: «Wartet fünf Minuten, dann wird sich die Wolke gänzlich aufgelöst haben!» Und siehe da, wie gekommen, so zerronnen. Zehn Minuten vor Totalitätsbeginn hatte sich auch das letzte Gewölk verzogen. Immer rascher ergoss sich's fahl über die Landschaft. Aus Nordwesten dunkelten die ersten Wolken ein; der Kernschatten hatte bereits das Burgenland erfasst. Jetzt ging alles rasend schnell. Immer dunkler wurde es am Beobachtungsplatz; die letzten Vorbereitungen liefen. Erste Reaktionen waren zu hören: «Nein, schau! Das ist ja gigantisch!» Noch zwei Minuten trennten uns von der Totalen. Jetzt konnten wir uns die Dämmerung in der Schweiz vorstellen. Die Bauern auf dem Felde unterbrachen ihre Arbeit, und die Störche standen wie erstarrt da. Unbeschreibliche Farben traten auf. Durch den Kamerasucher erblickte ich bereits die innere Sonnenkorona. Das gleissende Hell liess aber noch keine Blicke mit freiem Auge zu. Dann, um 12:46.40 Uhr standen wir im Dunkeln. Eine gigantische Maximums- Korona, deren feinsten Strukturen fast vier Monddurchmesser weit gleichmässig in alle Richtungen über den Sonnenrand ragten, fesselte uns zu tiefst. Die Zikaden hatten ihr Konzert unterbrochen, die Vögel waren verschwunden. Nur aus der Ferne vernahm ich das aufgeregte Gackern von Hühnern und das Krähen eines Hahns. Sonst absolute Ruhe, ein Moment der Besinnung. Venus strahlte unübersehbar hell unter dem «himmlischen, schwarzen Loch»; einige von uns entdeckten sogar Beteigeuze im Orion. Wunderschöne Protuberanzen säumten den Sonnenrand, so hoch, dass man sie mühelos ohne Fernglas erkennen konnte. Dann wieder ein «Ah und Oh» aus aller Munde. Der zweite Diamantring, noch ergreifender als der erste, schoss genau um 12:49.02 Uhr durch eine Mondschlucht hervor. Augenblicklich war das unirdisch wirkende Jenseits vorbei; die Wiese nahm wieder ihr vertrautes Grün an, Blumen gewannen ihre Farben zurück. Am Boden zeigten sich wieder Schatten. Das Leben kam zurück; eine Befreiung. Nach Worten ringend, stiessen wir mit Sekt auf das soeben Gesehene an. Wir hatten unheimliches Glück und wissen das im Nachhinein erst recht zu schätzen, als wir noch auf der Heimfahrt vom grossen Frust in Westeuropa hörten. Für einmal hatte sich die langjährige Wetterstatistik bewahrheitet. Das allmähliche Hellwerden war weniger beeindruckend als das sanfte Schwinden des Lichtes. Ein paarmal schauten wir noch nach oben. Der Mondschatten jagte bereits über das Schwarze Meer hinweg in den Vorderen Orient. Die zunehmende Hitze liess jetzt immer grössere Quellwolken entstehen. Und so tat der Umstand, dass uns die letzten vier Partialitätsminuten entgingen, wenig Abbruch am Erlebten. In Stuttgart und Umgebung sah man von den Hauptakteuren ja schliesslich wegen Regenschirmen und Wolkendeckel ganze drei Stunden lang (fast) rein gar nichts.

Weitere Hintergrundinfos zum Thema Wetterpech und Augenschäden der 1999er Sonnenfinsternis gibts hier.


Unser Beobachtungsplatz ausserhalb des Dorfes Pecöl, 15 km östlich von Szombathely. Nach der Finsternis verdichteten sich auch über Ungarn die Wolken.
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Dämmerung mitten am Tag. Schräg links unterhalb der total verfinsterten Sonne strahlt die Venus, am oberen Rand ist Merkur zu erkennen. Aufnahmedaten: 25 mm-Weitwinkelobjektiv, Blende 5.6, 4 s auf Ektachrome Elite 100 ASA; die Aufnahme wurde nachbearbeitet.
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Noch eine Aufnahme mit dem Weitwinkelobjektiv.
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Um 12:35 Uhr MESZ war nur noch eine hauchdünne Sichel der Sonne zu sehen. 11 Minuten später trat die totale Finsternis über dem Ort Pecöl ein. Aufnahmedaten: 500 mm-Teleobjektiv mit Thousand Oaks ND 5 Filter, Blende 8, 1/250 s auf Ektachrome Elite 100 ASA.
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Totale Sonnenfinsternis über Ungarn. Soeben erlischt der letzte Sonnenstrahl um 12:46.9 Uhr MESZ am linken Mondrand. Eine gigantische Maximums-Korona taucht innert Sekunden auf. Aufnahmedaten: 500 mm-Teleobjektiv, Blende 8, 1/1000 s auf Ektachrome Elite 100 ASA.
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Eine prächtige Maximums-Korona strahlte um 12:47.5 Uhr MESZ über dem westlichen Ungarn. Ihre feinsten Ausläufer waren in noch fast vier Monddurchmessern Entfernung mühelos auszumachen. Schon bei der hier gezeigten Aufnahme, die bloss 1/2 s belichtet wurde, sind die zarten Strukturen deutlich erkennbar. Im Gegensatz noch zur Finsternis vor einem Jahr, erschien die Korona wesentlich gleichmässiger.
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Die innere Korona am 11. August 1999. Protuberanzen zieren ringsum die Sonnenscheibe. Aufnahmedaten: 500 mm-Teleobjektiv, Blende 8, 1/250 s auf Ektachrome Elite 100 ASA.
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Der 3. Kontakt war um einiges imposanter als der zweite. Wie weissglühendes Metall quoll die Sonne um 12:49.1 Uhr MESZ wieder hinter dem Mondrand hervor. Für einige Sekunden waren noch die innere Korona und ein paar Protuberanzen gut zu sehen. Dann wurde es rasch wieder heller. Aufnahmedaten: 500 mm-Teleobjektiv, Blende 8, 1/1000 s auf Ektachrome Elite 100 ASA.
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Kurz nach der Totalität wurde die partiell verfinsterte Sonne durch eine Black Polymer-Schutzbrille fotografiert. Die Dämmerung war immer noch markant.
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Durch das Blätterwerk eines Baumes fallen die Sonnensicheln hundertfach auf den Papiersack. Man beachte besonders auch die Blattränder. Auch sie zeigen einzigartige Spitzen.
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Stefan Benz (Jungmitglied der Astronomischen Gesellschaft Zürcher Unterland), links, hat vielleicht die Chance, die nächste europäische Totalfinsternis der Sonne im Jahre 2081 noch mitzuerleben. Er war sichtlich begeistert.
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Der letzte Anblick auf die Sonnenfinsternis am 11. August 1999. Die Quellbewölkung verdichtete sich mit der zunehmenden Sonneneinstrahlung rasch. So konnten die letzten vier Partialitätsminuten von Pecöl aus nicht mehr beobachtet werden. Diese Aufnahme entstand genau um 14:05 Uhr MESZ.
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Umgebungskarte: Links Oesterreich mit dem Burgenland und der Steiermark, rechts Ungarn. Etwa in der Mitte der Karte liegt die Stadt Szombathely. Die Unterkunft lag etwas nordwestlich davon im österreichischen Bad Tatzmannsdorf.
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Detailkarte: Der Beobachtungsort liegt zwischen den Städten Szombathely und Sarvar, etwas ausserhalb des Dorfes Pecöl (Vas Megye).
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© 1999, Thomas Baer (Bilder und Text) und Stefan Meister (Gestaltung). Keine kommerzielle Verwendung von Bildern und Text ohne schriftliches Einverständnis der Autoren erlaubt.


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21.12.2006 00:00 Uhr, Dr. Roland Brodbeck

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