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Thomas Baer, Embrach
Was ist eine totale Sonnenfinsternis ohne Korona? Was ist eine Sonnenfinsternis ohne die beiden Hauptakteure? - Als hartgeprüfter Finsternis-Fan kann ich davon ein Liedchen singen. Etwa so, wie es am «schwarzen Mittwoch» Millionen von Schaulustigen erging, erlebten wir die grosse Sonnenfinsternis von 1991 auf Hawaii.
Wolken trübten die Sicht auf das kosmische Schauspiel; die Korona, deretwegen wir um den halben Erdglobus reisten, tat uns nicht den Gefallen. Dunkel wurde es zwar; beeindruckend war das allemal. Doch ohne Sonnenkorona ist eine totale Sonnenfinsternis einfach nur die halbe Wahrheit! Da reicht nicht einmal die Einbildungskraft und das astronomische Wissen darum, um sich eine Vorstellung zu machen, was in diesen entscheidenden Minuten hinter den Wolken abläuft. Auch die Live-Fernsehbilder hochfliegender Flugzeuge (insbesondere die unscharfen Aufnahmen des ARD - was war da wohl geschehen?) vermochten nicht das zu vermitteln, was man vom Boden aus gesehen hätte.
Stattdessen schaufelte Tief «Oleg» unaufhaltsam feucht-frische Atlantikluft heran und hüllte West- und Teile Mitteleuropas reichlich mit Wolken ein. Platzregen durch die finsternisbedingte Abkühlung traten lokal fast überall auf, begleitet von zum Teil heftigen Sturmböen. Noch am besten hatten es die Franzosen an der Kanalküste bei Fécamp. Hier war der Himmel weitgehend klar. Doch schon wenige Kilometer landeinwärts verdichtete sich das Gewölk. Die blauen Löcher wurden rarer, die Chance, zur entscheidenden Zeit am richtigen Ort zu stehen, eine reine Glücksache. Fast alle Fernsehstationen konnten keine Bilder der Korona vom Boden aus liefern. Dafür sah man zum wiederholten Male, wie die Wolken schwarz wurden, die Menschen in Begeisterungsstürme ausbrachen und die kurze Nacht von Blitzlichtern erfüllt wurde. Erstaunlich gelassen, nahmen es die beiden ARD-Reporter Ingolf Baur und Jacquelin Stuhler. Im strömenden Stuttgarter Regen liessen sie sich die Show nicht vermiesen und strahlten selbst noch, als die wandernde Nacht bereits über die Wolken Cornwalls strich, erstaunliche Zuversicht aus. Spätestens als es über der baden-württembergischen Landeshauptstadt wieder hell wurde, mussten die Volksmassen am Schlossplatz die verpasste Chance hinnehmen; nichts war mehr zu machen, die zwei kurzen Minuten waren unwiederbringlich vorüber. Als dann Welzheim eine diffuse Korona mit vorbeiziehenden Wolken lieferte, stieg die Spannung am Irschenberg über der A 8 in Südbayern. Dort sah es lange Zeit noch am besten aus. Doch wie fast überall goss es in den entscheidenden Minuten auch hier wie aus Kübeln. Nicht viel besser erging es dem ORF. Zwar konnte man in Österreich an den Abenden vor der Finsternis zur besten Sendezeit perfekte Wissenschaftssendungen zur Sonnenfinsternis sehen (herauszuheben sei dabei die Universum-Sendung vom 10. August 1999), doch am Finsternistag standen die meisten Fernseh-Teams ebenfalls am falschen Ort. Ausgerechnet in Salzburg, wo man die Korona optimal (ohne Wolken!) hätte sehen können, fiel der RTL-Equipe die Kamera aus! Und aus Oberschützen im Burgenland liess sich die Totalität abermals durch Schleierwolken hindurch beobachten.
Was ist eine totale Sonnenfinsternis ohne Korona? - Leider gibt es hierfür keinen passenden Vergleich. Es ist weit mehr als das vielzitierte Tüpfchen auf dem i. Es ist etwas Gewaltiges, Beeindruckendes, das vielen Millionen von Menschen an diesem «schwarzen Mittwoch» leider verwehrt blieb. Fazit: Weil die Welt allen Unkenrufen zu Trotz doch nicht untergegangen ist und wen die mittägliche Dunkelheit gepackt hat, kann sich auf den 21. Juni 2001 freuen. Dann ist eine lange totale Sonnenfinsternis über Südafrika zu sehen. Die nächsten Totalfinsternisse über Europa erwarten wir hingegen erst am 29. März 2006 über der Türkei und am 12. August 2026 über Spanien. Auf geht's!
Trotz Warnung gab es in Deutschland und Österreich Menschen, die schutzlos zu lange in die partiell verdunkelte Sonne guckten. Schon wenige Minuten nach der Finsternis hatten die Augenkliniken der österreichischen Spitäler Hochbetrieb. Nicht weniger als 40 PatientInnen mussten sich in Österreich mit Sehstörungen und Netzhautreizungen behandeln lassen. Ein 65-jähriger Mann verlor sein Augenlicht gänzlich, als er minutenlang ohne Schutzfilter durch ein Fernglas in die grelle Sonne schaute.
Auch in Berlin erblindete eine Person vollständig, weil sie die Aktion mit den Schutzbrillen für eine Mär und eine «Gschäftlimacherei» hielt. Solche Leute sind, so tragisch der Ausgang ist, nicht zu bedauern. An den monatelangen Informationskampagnen kann es kaum gelegen haben, und auch der Umstand, dass kurz vor der Finsternis sämtliche Schutzbrillen vergriffen waren, darf nicht als Argument angeführt werden. Schliesslich hätte man den Augenschutz mit jemandem Teilen können. Ausserdem wurde immer wieder eindringlich auf die Gefahren der Sonnenbeobachtung hingewiesen. Generell darf bemerkt werden, dass noch nie zuvor anlässlich einer Sonnenfinsternis so gut informiert wurde wie auf den 11. August 1999. Aber offenbar gibt es Leute, die es allen Informationen zu Trotz besser zu wissen meinen. Da bleibt nur die bange Frage, was geschehen wäre, wenn die Sonne wirklich geschienen hätte.
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